Mikro-RFA

Aus Dürer Tintenanalyse
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Inhaltsverzeichnis

Geschichte zur Tintenanlyse mittels Mikro-RFA

Die Idee, ein praktikables Verfahren zur zerstörungsfreien Analyse von schwarzen Schreibmaterialien zu entwickeln entstammt einem Forschungsprojekt der Staatsbibliothek zu Berlin zu den Autographen Johann Sebastian Bachs[1], [2]. Im Zusammenhang mit Dürer-Zeichnungen kam sie erstmals 2003 zur Anwendung[3]. Aus den Erkenntnissen der zerstörungsfreien Analyse entwickelte sich die archäometrische Charakterisierung von Eisengallustinten mittels Röntgenfluoreszenzanalyse[4].

Grundsätzlich können Eisengallustinten und Rußtuschen mittels Infrarotreflektographie voneinander unterschieden werden[5], jedoch ist es mit der Infrarotreflektographie im Gegensatz zur Mikro-RFA nicht möglich, von jeder individuellen Zeichnungs- oder Textpartie und den zugehörigen Tinten einen sogenannten „elementarer Fingerabdruck“ zu ermittelt[6], [7], [8], [9], [10]. Dergestalt untersucht wurden inzwischen vorwiegend berühmte Autographen, etwa das Woyzeck-Autograph von Georg Büchner[11] oder die Notizbücher Friedrich Nietzsches[12] aus dem Bestand des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar. Durch die Analyse der verwendeten Eisengallustinten in der "Erfurter Bibel" (Staatsbibliothek Berlin) konnte die komplexe Herstellungsgeschichte einer mittelalterlichen Prachthandschrift rekonstruiert werden[13]. Mittels RFA war es auch möglich, im Autograph der H-Moll Messe von Johann Sebastian Bach (Staatsbibliothek Berlin) die bislang zeitlich und individuell nicht zuzuordnenden Korrekturen alternativ Bachs Hand oder der wenig jüngeren Carl Philipp Emanuel Bachs zuzuordnen[14], [15].

Der Frühe Dürer - Tintenanalyse mit Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse (Mikro-RFA)

Der zur Untersuchung in Frage kommende Bestand früher Zeichnungen Albrecht Dürers sind sowohl in Eisengallustinte als auch in Rußtusche ausgeführt. Handelt es sich bei Eisengallustinten um Zeichenflüssigkeiten, die durch Mischung von Eisenvitriol mit Gallussäure in einem wässerigen Medium hergestellt werden, und erst durch Reaktion mit dem Luftsauerstoff zum schwarzen Zeichenmaterial reagieren, werden die Rußtuschen durch Dispersion von Rußpartikeln in einem wasserlöslichen Bindemittel hergestellt.

Da es sich bei deren Ausgangsmaterialien überwiegend um natürlich vorkommende Rohstoffe handelt, weisen die Zeichenmaterialien differerierende Zusammensetzungen auf. So enthalten Eisengallustinten neben Eisensulfat meist auch Kupfer-, Mangan-, Aluminium- oder Zinksulfat. Die elementare Zusammensetzung der jeweiligen Eisengallustinte ist somit ein spezifisches Charakteristikum und dient als Unterscheidungsmerkmal. Aus dem allgemeinen Typus „Eisengallustinte“ wird ein individuelles, temporär gefertigtes und benutztes Zeichenmaterial, das auf einer konkreten Zeichnung, deren diversen Passagen, Korrekturen, Beschriftungen etc. auf eine zeitlich homogene (= eine Tinte) oder aber etappenweise-prozesshafte Entstehung (= verschiedene Tinten) hinweist. Der Befund erlaubt so Rückschlüsse auf die zeitlich einheitliche oder etappenweise Entstehung, oder auf einen oder mehrere Autoren. Auch wenn sich das äußere, optische Erscheinungsbild der Eisengallustinten durch Alterung wandelt und chemische Korrosionsprozesse das organische Material verändern, bleibt doch der Anteil der Metallsalze in den Tinten erhalten (wenn nicht durch ältere Restaurierungsmaßnahmen, wie z.B. die gelegentlich vorvorgenommene wässerige Behandlung, das Material ausgewaschen wurde). Die Analyse dieser unterschiedlichen Metallsalze bildet somit die Basis für die Differenzierung der Zeichentinten.

Die Konzentration der Nebenbestandteile i (z.B. Mangan, Kupfer, Zink) in Relation zur Hauptkomponente Eisen wird in Form eines "Fingerprints" Wi angegeben.


Analyse von Rußtuschen mit Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse

Die Erkenntnisse aus der Untersuchung von Eisengallustinten können auch auf Rußtuschen übertragen werden. Als Beispiel für ein komplexes Untersuchungskonvolut seien hier die Schriftrollen von Qumran[16] genannt. Anhand der Untersuchung von Pergament und verschriebener Tusche konnte die Zugehörigkeit einzelner Manuskriptfragmente verifiziert oder falsifiziert werden[17].

Bei den Dürer-Zeichnungen sind es jedoch nicht signifikante Nebenbestandteile, die eine Differenzierung erlauben, sondern nur Spuren charakteristischer Elemente, die eine Unterscheidung variierender Rußtuschen, die im Wesentlichen nur aus organischen Materialien bestehen, ermöglichen.




Anmerkungen

  1. R.Fuchs, O.Hahn und D.Oltrogge; Geist und Seele sind verwirret… – Die Tintenfraß-Problematik der Autographen J. S. Bachs. In: Restauro, Bd. 106, H. 2, 2000, S. 116-121
  2. D.Oltrogge, R.Fuchs und O.Hahn; Finito et nonfinito - Zur Technik von Zeichnung und Malerei in Botticellis Divina Commedia. In: Sandro Botticelli - Der Bilderzyklus zu Dantes Göttlicher Komödie, Ausstellungskatalog Kupferstichkabinett SPK Berlin. Ostfildern 2000, S. 334-341
  3. S.Buck; Wendepunkte deutscher Zeichenkunst: Spätgotik und Renaissance im Städel, Ausstellungskatalog, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt a.M., 2003, Kat.34
  4. O.Hahn und C.Maurer-Zenck; Die Tinten des Zauberflöte Autographs: Möglichkeiten und Grenzen neuer Analyseverfahren. Ein Nachtrag zur Chronologie und eine biographische Pointe. In: Acta Mozartiana, Juni 2003, S. 2-22
  5. R. Mrusek, R. Fuchs und D. Oltrogge; Spektrale Fenster zur Vergangenheit - Ein neues Reflektographieverfahren zur Untersuchung von Buchmalerei und historischem Schriftgut. Naturwissenschaften 82, Heidelberg, 68-79
  6. W.Malzer, O.Hahn und B.Kanngießer; A fingerprint model for inhomogeneous ink paper layer systems measured with micro X-ray fluorescence analysis. In: X-Ray spectrometry, Bd. 33,2004, S. 229-233
  7. O.Hahn, W.Malzer, B.Kanngießer und B.Beckhoff; Characterization of Iron Gall Inks in Historical Manuscripts using X-Ray Fluorescence Spectrometry”, X-Ray spectrometry, Bd. 33, 2004, S. 234-239
  8. O.Hahn, B.Kanngießer und W.Malzer; X-Ray Fluorescence Analysis of Iron Gall Inks, Pencils, and Colored Pencils. In: Studies in Conservation, Bd. 50, 2005, S. 23-32
  9. O.Hahn, S.Merchel, I.Reiche und O.Simon; Zeichenmaterialien des 15. Jahrhunderts. In: Das Geheimnis des Jan van Eyck, Ausstellungskatalog Kupferstichkabinett Dresden. Berlin 2005, S. 228-232
  10. O.Hahn; Zerstörungsfreie naturwissenschaftliche Untersuchung von historischem Schriftgut. In: Materialität in der Editionswissenschaft. Hrsg. v. M. Schubert. Berlin 2009, S. 15-26
  11. B.Dedner, O.Hahn und T.Wolff; Ergebnisse der Tintenanalysen. In: Georg Büchner: Sämtliche Werke und Schriften, Akademie der Wissenschaften Mainz. Hrsg.: B. Dedner. Bd. 7, Darmstadt 2005, S. 89-102
  12. O.Hahn; Eisengallustinten - Materialanalyse historischer Schreibmaterialien durch zerstörungsfreie naturwissenschaftliche Untersuchung. In: Editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft, 2006, S. 143-157
  13. O.Hahn, T.Wolff, H.-O.Feistel, I.Rabin, M.Beit-Arié; The Erfurt Hebrew Giant Bible and the Experimental XRF Analysis of Ink and Plummet Composition. In: Gazette du Livre Médiéval, Bd. 51, 2008, S. 16-29
  14. U.Wolf, O.Hahn und T.Wolff; „Wer schrieb was? Röntgenfluoreszenzanalyse am Autograph von J.S. Bachs Messe in h-Moll BWV 232“. In: Bach Jahrbuch, Bd. 95, 2009, S. 117-133
  15. O.Hahn; Analyses of iron gall and carbon inks by means of X-ray fluorescence analysis. A non-destructive approach in the field of archaeometry and conservation science. In: Restaurator, Bd. 31, 2010, S. 41-64.
  16. O.Hahn, T.Wolff, B.Kanngießer, W.Malzer, and I.Mantouvalou; Non-destructive investigation of the scroll material: A composition concerning Divine providence 4Q413. Dead Sea Discoveries, Bd. 14, 2007, S. 359-364
  17. I. Rabin, O. Hahn, T. Wolff, A. Masic, G. Weinberg; On the origin of the ink of the Thanksgiving Scroll (1QHodayot{a}. Dead Sea Discoveries 16, 97-106




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